Werden wollen
für meinen Sohn

Wie kann ich zu dir finden
ohne mich selbst zu verlassen?
Wo ist die Linie die alle anderen auflöst?
Welche Weichen sind zu stellen
ohne dich festzulegen?
Ist zu fern mein ergrauender Bart
dich vorbehaltlos leben zu lassen?
Sind meine Erfahrungen von Wert
für das strahlende weiße Blatt,
das nach Frühling und Farbe
und Flügeln schreit?
Und wohin bringen sie dich?
Und kann ich raus aus meiner Haut
dir mehr zu zeigen als ich weiß?

Die Menschen und ihre Agonie
der Vernunft, die elektronische
Vermarktung der Leere, Zahnräder
die sich drehen für nichts,
und mittendrin: Du. Und ich.
Zu bezahlen das Phlegma
meiner Generation.
Und das Fahrradabteil im Zug
ist proppevoll, uns gegenüber
eine Schnur von Sitzen --
sechsundzwanzig im Ganzen.
Ich hab sie gezählt.

Und es sind genau zwei Köpfe,
zwei von sechsundzwanzig
die nicht abgepackt
in einer blauen Kiste stecken --
der eine isst einen Apfel,
der andere liest ein Buch,
gerade wie zweimal du,
der du Apfelspalten
zu Geschichten liebst
diesen Baum zu erklettern
der der höchste von allen ist,
nächsthin diese Seelen zu blicken
wie Trümmerstücke von Anatomie,
fragmentierte Fossilien,
vergraben in spurloser
leuchtender Stille.

Das Werdenwollen allein
ist der Keim aller Wagnis
weiterzusteigen.

 

Bild: Studio Seikel, Hanau
Bild: Studio Seikel, Hanau

Ein Gedicht ist ...

einen Augenblick

mit der größtmöglichen

Intensität zu durchleben,

um ihn dann loszulassen

und weiterzugeh'n ...