True man


Es war Vormittag

und die U-Bahn voller Menschen.

Ich stieg an der Hauptwache

aus, nahm die Rolltreppe zur

nächsten Ebene; jemand

spielte Jazz auf einer Klarinette;

das Spiel wurde lauter

je weiter es nach oben ging,

und als mich der Stahl wieder

auf den Zement spuckte

sah ich ihn, den Virtuosen –

ein alter schwarzer Mann

im Kellerlicht Mainhattans,

während über uns die Banken

der Sonne in den Arsch krochen,

und für zwei oder drei unglaubliche

Sekunden waren wir vollkommen

allein, nur ich und er und

seine Melodie, die zwischen

den Betonsäulen schwebte

und nach Leben suchte,

vielleicht sogar nach meinem,

ehe die Regisseure

die Panne bemerkten,

die Statisten hinter den

Säulen hervorkamen

und die Truman Show

wie gewohnt weiterlief.


Bild: Studio Seikel, Hanau
Bild: Studio Seikel, Hanau

Ein Gedicht ist ...

einen Augenblick

mit der größtmöglichen

Intensität zu durchleben,

um ihn dann loszulassen

und weiterzugeh'n ...