Geburtstagskarte


Habe eine Geburtstagskarte

für eine Freundin gekauft,

gehe in die Poststelle,

setze mich an einen der

beiden Tische, ziehe meinen

Kuli aus der Brusttasche

und versuche ein paar

warmherzige Zeilen

auf die Karte zu bringen –

was sich als etwas komplizierter

erweist als es eigentlich ist.

Mir gegenüber sitzt ein Schwarzer,

wüst vernarbtes Gesicht,

speckiger Jackenkragen,

der fast die ganze Tischplatte

mit ziemlich gebraucht aussehenden

A4-Umschlägen einnimmt,

in die er ebenso zerfledderte

Bewerbungsschreiben stopft.

Alles nicht so schlimm, wenn

er nicht bei jedem Schreiben

aus den tiefsten Tiefen seiner Kehle

einen enormen Schwall gelbweißlichen

Schleims hervorholen würde, den

er verächtlich in seine Hand rotzt

um die Klebestreifen der Umschläge

damit zu bearbeiten.

Das hellbraune Papier wird ganz dunkel

von der Nässe seines Speichels.

Meine Güte, muss der einen Hass haben!

Nebendran, hinter der niedrigen Trennwand,

müht sich ein blondgrauer Bart an

den Vordrucken für den Paketversand

einen ab. Zwei Scheine hat er schon

zerrissen, ununterbrochen gepiesakt

von einer großen, fetten, aufgetakelten

Matrone mit hochtoupierten Haaren,

die bolzengerade dasitzt und sich

an ihrer Handtasche festhält.

Er reicht ihr höchstens bis zur Nasenspitze,

was sie ihn spüren lässt wo sie kann.

Als dann auch beim dritten Schein

irgendwas daneben geht, platzt

ihr endgültig der Kragen.

»Also, wenn du nicht dumm bist

wie die Nacht, dann weiß ich’s

auch nicht. Du mickriger Pimmel,

lass uns mal nach Hause kommen …«

»Aber …«

»Nichts aber! Füll das jetzt vernünftig aus

oder ich flamm dir gleich hier eine …«

Reizendes Pärchen, denke ich,

während das Narbengesicht

die nächste Ladung in die Hand klatscht.


»Liebe Sabine«, schreibe ich schließlich,

»wünsche Dir einen schönen Geburtstag,

vor allem ohne Regen und

mit gutgelaunten Gästen.

Alles Liebe. Arnd.«

Bild: Studio Seikel, Hanau
Bild: Studio Seikel, Hanau

Ein Gedicht ist ...

einen Augenblick

mit der größtmöglichen

Intensität zu durchleben,

um ihn dann loszulassen

und weiterzugeh'n ...