Die letzte Seite

 

Immer wenn ich zur letzten Seite

von einem Buch komme

das mich richtig reingezogen hat,

in dem ich bloß noch Passagier bin

bis der letzte Punkt gesetzt

und die Kinnlade ausgerenkt ist,

von einem Buch das brennt

bis zum Schluss, das mir die letzten

Worte einschenken wird wie ein

auf -273°C runtergekühlter Drink,

der mir erst die Kaldaunen zerfetzt

um mir dann jene tröstliche Wärme

und Erkenntnis zu spenden, dass es

doch noch Menschen gibt die ein Herz

und einen Verstand haben und beides

zu gebrauchen wissen,

passiert irgendwas

Unmögliches –

 

das Telefon klingelt,

und ein penetrantes Frauenzimmer,

das nichts Besseres gelernt hat,

will mir einen Lotterieschein

verkaufen;

auf dem Gehsteig

unter meinem Fenster

bringt einer dieser grünen

Schmalspurcasanovas seinen

tiefergelegten Schwanzersatz

mit quietschenden Reifen zum Stehen

und beschallt mit der eingebauten

Musikanlage die ganze Nachbarschaft,

während er zehn Minuten lang

darauf wartet, dass ein anderer

Rotzlöffel einsteigt;

mein Nachbar klopft an die Tür

und fragt nach Eiern für den

Sonntagskuchen;

im Haus nebenan

kreischt ein Bohrer los

und mitten hinein in den vorletzten Satz;

der Kater kriegt seinen Dullen

und jagt der Katze hinterher,

eine Vase geht zu Bruch und die Katze

schreit und faucht, bis sie zu Husten

anfängt und nicht mehr weglaufen kann

und ich dazwischen gehen muss;

oder die Feuerwehr rückt mit ihrem

kompletten Gerät zum Einsatz aus,

während vier oder fünf Krankenwagen

die Nachhut bilden und all die Sirenen

mich an den Rand des Tinnitus‘

oder zur Nervenklinik treiben.

 

Zugegeben, das alles

sind völlig alltägliche Dinge,

aber –

wenn du bei so einem Buch

zur letzten Seite kommst, so kurz

vor das Ende eines langen,

illuminierenden Weges,

du das Ziel vor Augen hast

wo dir das letzte Puzzleteilchen

winkt, das all das Gesehene,

Erlebte, Durchlittene

und Halberkannte endlich

zusammenfügen will

und dir dann jemand volle Kanne

vors Schienbein tritt, weil er der Welt

unbedingt beweisen muss,

dass er auch noch da ist

indem er sich sinnlos und lautstark

in der Gegend produziert,

dann ist das, als ob jemand

einen Eimer Wasser über die

olympische Fackel kippt,

fünfzig Meter vor dem Stadion.

 

Na klar, sie wird ankommen,

und man zündet sie auch wieder an,

aber irgendwie ist es nicht mehr

dasselbe.

 

Die letzte Seite.

 

Eines Tages wird auch

meine letzte Seite aufgeschlagen.

Und ich hoffe, verdammt,

dass ihr mich wenigstens dabei

in Ruhe lasst.

 

Doch ich seh’s schon:

 

Ich liege im Krankenbett,

umgeben von Schläuchen

und summenden Apparaten

und meiner in Tränen aufgelösten

aber tapferen Frau, tue den letzten

Japser und irgendeine Hilfsschwester

rammt die Tür auf und schreit:

»Ihr Mittagessen, Herr Dünnebacke!«

 

Na dann, guten Appetit.

 

 

 

 

Bild: Studio Seikel, Hanau
Bild: Studio Seikel, Hanau

Ein Gedicht ist ...

einen Augenblick

mit der größtmöglichen

Intensität zu durchleben,

um ihn dann loszulassen

und weiterzugeh'n ...