Eins für die Demokratie

 

 

Wende

Anfang der neunziger Jahre
brannte es wieder lichterloh;
der Frühling wollte nicht einziehen im Osten
und die Menschen wärmten sich
an anderen Feuern,
im Westen der Herbst,
plötzlich wie der Absturz der Sonne
die uns mit Ewigkeit täuscht
so die Lichter von gestern
wieder angezündet wurden
beim Rückwärtsgehen
in die kommende Nacht gerichtet,
und ich, vorne blind
und hinten kurzsichtig,
marschierte mit,
hundertsiebensechzig Zentimeter
Nationalstolz
belächelt und gehasst
und direkt in die Arme
meines Klassenlehrers,
der so kurz geraten war,
dass er zwischen den Kids
gar nicht weiter auffiel
wenn man die Augen
zusammenkniff.
Epps aber hatte was,
was ihn von allen anderen
Lehrern unterschied –
er wusste wirklich bescheid.
Und er respektierte uns.
Und das respektierten wir.

Es war schon sonderbar
anzusehen, wenn es nötig war
und er sich vor den fiesesten
Knochen aufbaute die ihn locker
um anderthalb Köpfe und
zwanzig Kilo übertrafen.
Aber anstatt dass sie einfach
über ihn lachten, wie sie es
bei jedem anderen Lehrer
getan hätten, sah man sie
langsam aber sicher in sich
zusammensacken, während
Epps immer leiser und gepresster
daherkam und sein Rachen
eine Rasierklinge nach der
andern abfeuerte – bis auch
die härtesten Jungs
wie ein schwarzes Loch
in sich selbst verschwanden.

Ich war keiner von den harten Jungs,
aber hart in der Sache,
und Epps wahrhaftig auf zack,
jede Gelegenheit eine Diskussion,
oft anstrengend und enervierend,
mitunter haarsträubend
und meistens, ja, ein toller Fight
der gut zu gehen war.
Denn er wollte nicht aufgeben,
nicht mich,
ließ einfach nicht los,
bis ich irgendwann einsehen musste,
außer zu wissen, tatsächlich
was gelernt zu haben
und mir die Springerstiefel
wie eine ausgelatschte Dummheit
einfach von den Füßen fielen.

Für ihn war Demokratie Kontroverse
und Disput die er just dadurch
leben und wachsen ließ,
also auch sich und sein Gegenüber.
Er war ein sehr schlauer Mann.
Und ich bin ihm unendlich dankbar
für diese Lektion des Langmuts
auf Augenhöhe, sachlich, unaufgeregt
zwischen Mensch und Politik unterscheidend
die richtigen Fragen zu stellen
deren Antworten so vernünftig sein mussten
wie der Himmel blau ist.

Dieser Tage denk ich wieder oft daran,
in denen es wieder zum guten Ton gehört
sich gegenseitig zu verweisen,
auszuschließen,
entfernen,
entfreunden,
Protest gegen Protest,
Angst vor der eigenen Meinung
die Diskussion zu fürchten
die der kurze Atem auf wacklige Füße stellt
oder in zwei Betonschuhe Faulheit
auf dem Weg zur Brücke,
darunter das Schweigen der Mauern,
die Zeugnisse
unserer Endlichkeit.

Ich denke dieser Tage wieder oft daran
und wie alles immer mehr werden muss
und sich jeder in seinen Mauern einrichtet
und glaubt er sei frei.
Wenn die da draußen nicht wären.
Eine ständige Bedrohung
summt zwischen den Steinen
und keiner findet die Tür,
so groß ist die.

Ich denke dieser Tage wieder oft daran
und wie ich damals wachsen durfte
und wie Epps einmal,
selbst keine Einssiebzig,
zu mir sagte:
"Arnd, merk dir eins:
Länge ist nicht gleich Größe."

Und daran hielt er sich.

Und das war das Beste,
was ich je in der Schule gelernt hab.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Studio Seikel, Hanau
Bild: Studio Seikel, Hanau

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